Lichtmess 2. Februar 2008

Das ist ein besonderer Tag. Die Taghelle dauert nun eine Stunde länger. Erst ab diesem Zeitpunkt zieht es mich in den Weingarten. Seit einigen Tagen steigt der Saft wieder von den Rebwurzeln in den Stock. Meine Scheren sind geschliffen und zum Hauswein stelle ich an diesem Tag viele kleine Kerzen; ich wünsche ihm stellvertretend für die anderen Reben ganz vorsichtig einen guten Morgen, bevor die Sonne ihn richtig wachrüttelt.

Ähnlich langsam taste ich mich in den kommenden Frühling vor. Man ahnt ihn schon, aber es ist noch ganz verhalten. Die Hühner sind mit dem Eierlegen schon recht eifrig, die Enten und Gänse lassen sich Zeit, bis sie sicher sind, dass die Eier nicht durch Frost ruiniert werden.

Für die "Innentermine" wird es langsam knapp. Das ist eine dieser weniger schönen Frühlingsvorahnungen. Dabei lasse ich mir trotz der Erinnerung des Steuerberaters so lange Zeit, bis mir der Spagat zwischen Rebenbinden und Bürositzen kaum mehr gelingt. Als Verwaltungsfachkraft wäre ich auf jeden Fall ein Saboteur der Sonderklasse.

Im Keller herrscht noch Winterruhe. Die Weißweine sind zwei bis drei Mal umgezogen und spannen mich, wie immer, auf die Folter und verunsichern mich wie jedes Jahr. Wenn ich die Kellertür nach dem Verkosten schließe, bin ich an manchen Tagen ganz glücklich und denke: Prima, da entwickelt sich was ganz Feines! Beim nächsten Mal wieder lamentiere ich: Fix, der rührt sich ja überhaupt nicht vom Fleck, der Kerl ist ja sowas von zu! Aber es gelingt mir, nach so vielen Jahren, doch die Ruhe zu bewahren. Vor Mai wird sicher keiner der Weißen zu füllen sein, der Blaufränkisch bleibt ohnehin mindestens ein Jahr im Fass.

Oktober 2007

Frühe Dämmerung steigt aus nebelverhangenen Weingärten, wo die Reben die bunten Weinblätter für einige späte Sonnentage festhalten wollen. Aber dahin ist des Sommers flirrende Glut, die Trauben sind geschnitten, die Zikaden verstummt. Nur die Krähen krächzen in die Stille, die das eilige Holzschlagen des verstummten Klapotetz in den Weingärten abgelöst hat.

Durchatmen ... noch ist die Luft mild und in Gold und Rotbraun leuchten die Wälder, die die Nordhänge der Weingärten säumen. Aber jeder kommende Tag kann mit eisigen Windstößen die Blätter von den Zweigen reißen, die dann noch eine kurze Zeit mit einer raschelnden Schicht die Weingartenwege bedecken und wir mit hochgeschlagenem Mantelkragen, die Hände in die wärmenden Taschen vergraben, für eine Weile zu Kindern werden, die die trockene und bunte Pracht die Füße schleifend vor uns herschieben und die Nasenflügel aufblähend, den Duft des Herbstes einsaugen.

Es geht einwärts. Nun fühl ich mich wohl im alten Keller mit seinen Gewölben, den Schattierungen der vergangenen Jahrhunderte an den Wänden. Der Wein hat seine Gärung abgeschlossen. Ich lege mein Ohr an die Fässer und Tanks und höre ihn fein knistern. Er baut unpassende Säure ab und rundet sich. Der Jahrgang 2007 scheint es in sich zu haben. Ich lache und summe mein Singsang, wenn ich ihn koste. Der Heranwachsende ist viel versprechend, ich freue mich und lasse ihm seinen Weg. Vielleicht sollte man zu den eigenen Kindern in dieser Phase auch soviel Vertrauen haben.

Manchmal ist es ein wenig peinlich in so einem "altmodischen" Keller zu werken, aber im Grunde bin ich froh, dass hier nichts computergesteuert abläuft. Ich komme mir vor wie eine Hebamme, die exzellent mit dem hölzernen Hörrohr umgehen kann.

Aus der Felswand im alten Gewölbekeller rinnen leise zwei kleine, aber beständige Quellen. Wenn ich die Arbeit erledigt habe, leuchte ich sie aus und freue mich, wie sie im unermüdlichen Rinnsal das beste Klima für meine Rotweinfässer schaffen und mich harmonische Klarheit empfinden lassen.